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Papst Franziskus – Führen ist Dienst

Kurz vor den Wahlen zum Europäischen Parlament hat die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union – COMECE – in ihrem Magazin „Europe Infos“ unter dem Leitwort „Papst Franziskus – Führen ist Dienst“ einen Beitrag von Mag. Peter Rosegger, MBA, Leiter des Wirkfelds „lernen&leben“ veröffentlicht.

Papst Franziskus – Führen ist Dienst

Seit seinem Pontifikatsbeginn vor sechs Jahren wird es deutlich: Papst Franziskus hat einen anderen, einen eigenen Führungsstil.

In seiner publizierten Masterarbeit im Rahmen einer MBA-Ausbildung hat der österreichische Theologe Peter Rosegger diesen Führungsstil analysiert. Seine Schlussfolgerung: dieser Führungsstil könnte heilsam sein, auch und vielleicht besonders für jene, die im Dienst der Europäischen Union arbeiten, Beamte wie Politiker. (Europe Infos)

Unter dem Leitwort „Der Hochverräter“ beleuchtet Thomas Assheuer in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 8. März 2018 die ersten fünf Jahre des Pontifikats von Papst Franziskus. Der Titel seines Beitrags bezieht sich auf die These, Papst Franziskus würde Kernelemente des christlichen Glaubens zugunsten von unangemessenen seelsorglichen Zugeständnissen aufgeben.

Thomas Assheuer bescheinigt dem Papst vielmehr, eine „Theologie des Rückzugs“ als empörend abzulehnen: „Dieser Papst verlangt von der Kirche etwas sehr Ungewohntes: eine souveräne Machtlosigkeit, den Verzicht auf majestätische Repräsentation und klerikale Ruhmsucht. Nur mit der reinen Geste, nur mit Großherzigkeit solle sie der Welt gegenübertreten, denn in jeder Selbstinszenierung stecke ein heimlicher Triumphalismus, ein Vergessen des Kreuzes.“

Ein ungewöhnlicher Führungsstil

In einer Zeit, in der angesichts wachsender Komplexität eine chauvinistische Illiberalität zunehmend als chic und ein darauf basierendes postideologisches Führungsverhalten als smart und innovativ gilt, ist der Leitungsstil von Papst Franziskus gelinde gesagt ungewöhnlich. Die Frage nach dem Verhältnis von prinzipiengeleiteter Liberalität und illiberalem Populismus ist bedrängend aktuell. Zu Recht wurde 2016 ´postfaktisch´ zum Wort des Jahres gewählt.

In der globalen Gesellschaft von heute entziehen sich gefühlte Zugänge der Differenzierung durch Tatsachen. Fakten werden zugunsten eines gefühlsorientierten und sprunghaften Voluntarismus relativiert und somit zu alternativen Fakten. Die katholische Kirche ist durch ähnliche Dynamiken herausgefordert. Sie verfestigen – oft unter dem Deckmantel einer ´missionarischen Seelsorge´ – ein katholisches Biedermeier. In seinem Isolationismus, der auf die Festigung eines religiösen Milieus abzielt, scheut es eine profilierte Auseinandersetzung untereinander und mit der modernen Welt, zu der seine Proponent/innen nicht willens oder in der Lage sind.

Integer, authentisch, vorausschauend

Papst Franziskus ist in diesem Panorama kurzsichtiger und vermeintlich konsolidierender Realpolitik eine wohltuende Ausnahme unter dem Prätext der Humanität. Nicht umsonst führt er verschiedene Vertrauensindices an. Sein Führungsverhalten wird vor dem Hintergrund dessen, wofür die katholische Kirche steht, als integer, authentisch und vorausschauend angesehen.

Sein Hinweis auf Abstand zu kalter Machtlogik und für Bescheidenheit darf nicht als Selbstverzwergung der Kirche oder als Rückzug in bequeme Nischen missverstanden werden. Es steht vielmehr dafür, Spannungen proaktiv auf einem festen Grund stehend auszubalancieren und grundlegende Prinzipien nicht kurzfristigen Notwendigkeiten unterzuordnen. Diese Einwurzelung in das größere Ganze von Kirche und Welt und ein integrer wie effektiver Einsatz von Ressourcen ermöglichen es, „Prozesse in Gang zu setzen, anstatt Räume zu besitzen.“ (Evangelii Gaudium 223)

Dienen als „Provokation“

Dieser dem Gemeinwohl und nicht der eigenen Herrlichkeit dienende Aspekt der Führung ist der Kern der ´Provokation´ von Papst Franziskus, mit der er sich voll auf dem Boden des Evangeliums befindet. Sie ist auch ein Kern der Logik kirchlichen Handelns, die er zu einem wesentlichen Begriff seines Pontifikats und besonders seines Dokuments Amoris Laetitia gemacht hat. Jesus Christus „hat die Situation nicht einfach am grünen Tisch studiert, er hat keine Experten zum Pro und Kontra befragt. Für ihn war alles, was zählte, ob er die Fernen erreichen und retten konnte, wie der Gute Hirte, der die Herde verlässt, um das verlorene Schaf zurückzuholen. Diese Logik, diese Haltung erregte damals ebenso Anstoß wie heute.“ (Der Name Gottes ist Barmherzigkeit, S. 88)

Es ist gerade diese Haltung des unersetzbaren persönlichen Engagements für Menschen in Not sowie des differenzierenden Ringens um das globale Gemeinwohl, die der Papst den Bürger/innen Europas zumutet. Verantwortungsträger/innen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft können am Beispiel des Papstes sehen, dass das dauerhafte und mit Nachteilen für sich selbst verbundene Einstehen für Prinzipien als ehrlich und mutig wahrgenommen wird, und somit vom Verkünden scheinbar unbequemer Wahrheiten absehen, das eigenen Interessen dient. Gleichzeitig können sie erkennen, dass Subsidiarität und Entwicklung erst durch Prinzipien nachhaltig werden, da postideologische Realpolitik weder real noch Politik ist.

Drittens gibt Papst Franziskus ihnen zu denken, indem er die Linderung menschlicher Not zu einem wesentlichen Kriterium gelingenden Handelns macht. Neben seiner franziskanischen fröhlichen Bescheidenheit und seiner jesuitischen zupackenden Gelassenheit sind diese positiven Provokationen eine Inspiration seines Pontifikats für alle wachen Zeitgenoss/innen: souveräne Machtlosigkeit als lebens- und prinzipienfördernde Haltung.

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